Marienburg

 
 

Das Konventshaus (Hochschloß)

 

 
 

Der Südflügel

 
 


Der Südflügel erscheint wie ein einheitliches Bauwerk, in allen vier Geschossen gleichartig aufgebaut. Ein Dreipfeiler- und ein Siebenpfeilersaal sind hier nebeneinandergestellt, in den beiden unteren Geschossen mit Balkendecken auf gemauerten Granitpfeilern abgeschlossen, darüber im Erdgeschoß Tonnen mit Stichkappen. Das Geschoß in der Höhe der Haupträume (Kirche und Kapitelsaal) hat schwere Rundsäulen aus Granit, mit Sockel und Kapitäl, und ebensolche Gewölbe wie das Erdgeschoß, mit scharfen Graten. In diesem Geschoß macht sich der schräge Danzkergang störend bemerkbar. Das Obergeschoß hierüber, zugänglich auf einer Wendeltreppe in der Trennungsmauer, hat zwei auf schlanken Granitsäulen gewölbte Säle mit Rippen-Kreuzgewölben. Die jetzigen Säulen sind neu, von 1890, doch haben sich noch einige alte Säulen gefunden, die nur in diesen Flügel hingehören können. Nach dem großen Dachbrande von 1644 stand dieser Flügel längere Zeit dachlos da, so daß die Gewölbe (noch vor 1875) einfielen. Die unteren Räume haben nur wenige und ganz kleine Fensteröffnungen; es läßt sich die früher einmal ausgesprochene Vermutung, daß hier einmal der Remter gewesen sei, nicht aufrechterhalten, man kann diese beiden Räume nur als Schlafhaus ansprechen. 

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Siebenpfeilersaal
Rekonstrukion um 1890

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Conventsküche

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Dreipfeilersaal
Rekonstruktion um 1890

Dagegen haben die hellen und sonnigen Räume des Obergeschosses volle Eignung zum Speisesaal, Tagesraum oder Versammlungsraum. Die Bezeichnung Remter ist hier durchaus zutreffend, doch ist es uns verborgen, wie man den Dreipfeilersaal und den Siebenpfeilersaal einstmals unterschieden hat. Die vor diesen beiden Räumen liegende obere Kreuzganghalle ist ein ausgezeichneter Anrichteraum. Ein schneller Verkehr von der Conventsküche nach dem Siebenpfeilersaal ist durch zwei Wandtreppen in der Nordwand des Südflügels möglich, so daß die Benutzung für Mahlzeiten durchführbar ist.

 

 
  Der Ostflügel  
 


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Der Ostflügel hat ein größeres Steinformat als der Nordflügel, nämlich 9 :15 : 31 bis 33 und mit Schichtenhöhe von 11,3 cm, es sind aber wie dort alle Köpfe gesintert.Am Südosteckturm zeichnet sich eine stehende Verzahnung in der inneren Wandflucht der Ostmauer ab, ein deutlicher Beweis, daß der stattliche Südbau als letzter in den Ring der vier Häuser eingefügt wurde. Die sämtlichen Gewölbe des Keller-, Erd- und Hauptgeschosses wurden ebenfalls noch vor dem Bau des Südflügels eingespannt, im Hauptgeschoß mit den sonst seltenen Kehlrippen. Wir müssen also die Bauzeit so ansetzen: bis 1280 den Nordflügel, Kirche und Kapitelsaal, bis 1285 Westflügel und Ostflügel, sodann 1290-1300 den Südflügel.

Nach dem Verlust von Akkon 1291 verlegte der Deutsche Orden sein Haupthaus nach Venedig. Conrad von Feuchtwangen wurde 1291 zum Hochmeister gewählt. Vorher war er seit 1279 Landmeister von Preußen und Meister in Livland gewesen, 1280-81 nur in letzterem Amte und 1284-1290 Meister in deutschen Landen. Als Hochmeister war er 1295 in Thorn, 1296 wieder in Thorn und Marienburg. Ihm waren die Verhältnisse in Preußen gut bekannt. Auf der Rückreise nach dem Süden starb er am 5. Juli 1296 in Prag. Sein Nachfolger Gottfried von Hohenlohe ist nur einmal in Preußen als Hochmeister nachweisbar, im Juni 1298 zu Thorn. Im Jahre 1302 verzichtete er auf sein Amt und wiederholte diese Erklärung 1303 auf einem Kapitel zu Elbing, auf welchem zugleich Siegfried von Feuchtwangen als sein Nachfolger gewählt wurde. Bald danach widerrief Hohenlohe seinen Verzicht, und es trat eine unerfreuliche Doppelregierung im Orden ein. Siegfried, der seine Residenz in Venedig beibehielt, verlegte dann im September 1309 den Meistersitz nach Marienburg. Die Erwerbung von Pommerellen und Danzig 1309 mag den letzten Anstoß dazu gegeben haben, die Vorgänge von 1303 werden aber den von der Mehrzahl der Ordensbrüder anerkannten Hochmeister Siegfried bestimmt haben, seinen Sitz von Venedig nach Marienburg zu verlegen. Die ersten Pläne für diese Verlegung müssen aber in die Zeit des Conrad von Feuchtwangen fallen, besonders in die Jahre 1295-96.

 

 
 

Der Ausbau des Konventshauses bis 1344

 
   

Erweiterung der Schloßkapelle

 
 


Nachdem in den ersten drei Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts die Hochmeisterwohnung und Meisters Großer Remter im Mittelschloß entstanden waren, beschloß der 1331 erwählte Hochmeister Luther, ein geborener Herzog von Braunschweig, auch die Kapelle entsprechend der Bedeutung des Haupthauses des Ordens zu einer würdigen Kirche zu erweitern und auszuschmücken. Gleichzeitig erbaute er unter dem neuen Chor eine Gruftkapelle für die Hochmeister. Diese beiden dem Gottesdienst geweihten Räume wurden zu Schwerpunkten baukünstierischer Gestaltung und kostbarer Ausstattung. Die Bauzeit umfaßte die Zeit 1331-1344.z6a.jpg (29886 Byte)

D a s  G e w ö l b e. Die alte Marienkapelle hatte bei 9,9 m Breite und 19 m Länge eine lichte Höhe von 12 m. Diese erschien dem Baumeister für eine 38 m lange Kirche als zu gering, und er wollte sie auf 14,4 m erhöhen (d. s.50 kulmische Fuß). Er mußte zu diesem Zwecke den Wehrgangsspeicher beseitigen, gewann dann aber nach Abbruch der schweren alten Kreuzgewölbe den Raum für eine völlige Neueinwölbung. Statt der bisher stark rechteckigen Joche (6,5 : 9,9 m) teilte er den verfügbaren Raum in Joche von 8,5 m Länge ein, die sich also sehr dem Quadrat nähern.

Es schien ihm aber nicht geraten, im Ostteil Wand- und Fensterachsen von 8,5 m Länge beizubehalten, daher halbierte er hier die Achse und kam so zu der Form des sechsseitigen Kreuzgewölbes. Dann wurden die Wandkappen mit dem Rippendreistrahl gefüllt. Um nun aber das Gespinst der Gewölberippen gleichmäßig über die ganze Fläche zu verbreiten, wurden Mittelkappen in dieselbe Linienführung der Rippen aufgelegt, jedoch ohne Quergrate. Dadurch wurde eine gleichmäßige Verspannung der Schildbögen und nachher der eingewölbten Rippen erreicht, und dann konnte man die Kappen freihändig einwölben. Das Gewölbe ist also in allen Ein- zelheiten konstruktiv durchdacht. Die Rippenführung ergibt im Grundriß das Bild eines achtspitzigen Sternes, trotzdem wird der Name Stemgewölbe den technischen Grundgedanken nicht ganz gerecht. Auch der Name figuriertes Gewölbe bleibt an Äußerlichkeiten hängen.

 
  Die Westwand mit Empore  
 

Von der alten Innenausstattung hat sich der ziborienartige Vorbau an der Westwand - Ambon - erhalten. Die Westmauer der Kirche setzt in 3 m Höhe um 0,70 m zurück, der Zugang zu diesem schmalen Gange, der durch drei große Mauernischen verbreitert wird, erfolgt vom Kreuzgange her durch eine Wandtreppe. Als Brüstung kann ein Eisengeländer oder eine Holzverkleidung gedient haben. Vor der Mitte dieser Galerie steht ein Vorbau, der vorn auf zwei grauen Marmorsäulen ruht; er gehört zur ersten Bauzeit, denn seine Seitenmauern schließen zwischen zwei Arkaden sich organisch an die Mauer an. Die Idee dieses Baues erinnert an die italienischen Kanzeln, wenn auch die Konstruktion der Brüstung eine andere ist. In der NW-Ecke der Galerie und zugleich der Kirche ist noch ein Stumpf des runden Eckdienstes der Kreuzgewölbe erhalten: ein Beweis, daß die Brüstung damals ganz niedrig war. Unter dem Vorbau, der von einem Kreuzgewölbe überdeckt ist, befindet sich die Tür zu einer kleinen, dunklen Zelle; man vermutet hier das hl. Grab für die Karwoche. Über dieser Tür befindet sich auf einem Kragstein ein Tonbildwerk, der thronende Christus.

z8.jpg (22370 Byte)Der Umbau 1331-1344, namentlich die Einfügung der neuen Gewölbe, änderte zunächst noch nichts an der Galerie, es wurde auch in der NW-Ecke ein Kragstein für eine Apostelfigur eingebaut; sein Schmuck, ein von Teufeln verfolgter König, ist der gleiche, wie an den übrigen Diensten, ebenso ist oben ein Baldachin vorhanden, nur die Figur fehlt jetzt. Man wollte jedenfalls ein Standbild hier aufstellen, und dann mußte es über der Galeriebrüstung sichtbar bleiben, die Brüstung war also noch niedrig. Nach Beseitigung der Gerüste stellte sich dann wohl heraus, daß diese Anlage in dem hohen Raum zu winzig wirkte, und man kam auf den Gedanken der Steinbrüstung und der von Pfosten getragenen Reihe der Maßwerks-Wimperge; die sich noch erhalten haben. Der entsprechende Aufsatz auf dem Vorbau war schon Ende des 18. Jahrhunderts, als Rabe die Aufnahme für das Fricksche Kupferwerk machte, nicht mehr vorhanden; er wurde 1883 von Steinbrecht erneuert. Die Orgel in der Kirche auf dem Hause wurde im Dezember 1401 und Januar 1402 ausgebessert.  Das Vorhandensein einer Orgel ist daher auch für die Mitte des 14. Jahrhunderts schon anzunehmen. Der übliche Platz für die Orgel war Sonst in der Nähe des Hochaltars, doch ist dort an der Mauer die Anbringung nicht möglich, daher mag dieser Platz an der Westseite mindestens seit dem Umbau für die Orgel gedient haben.

Altäre und Sakristeienb21a.jpg (43370 Byte)

Malerei findet sich nur in den Arkaden, auf der Wand neben dem Eingang, und in einigen Fensterleibungen.

In der Mittelwand des Chorhauptes. ist eine Fensternische mit dem noch alten Ausgußstein, der Piscina. Links und rechts davon schmale, hohe Wandschränke für Kirchengerät.

Die Kirche hatte nach den Bestandsverzeichnissen des Glockmeisters von 1394 bis 1439 den hohen Altar, den Frühmessen-Altar an der Südseite, unsere Lieben Frauen-Altar an der Nordseite und den mittelsten Altar. Alt ist noch die Mensa des Hochaltars von 1,62 : 2,83 m Grundfläche und 1,43 m Höhe, aus Ziegeln gemauert, mit einer Kalksteinplatte abgedeckt und rückwärts mit verschließbarem Schatzraum versehen.

Die drei anderen Mensen waren 1882 an alter Stelle nicht mehr vorhanden, und es sind zwei erneuert. Die Platte des südlichen Seitenalters ist noch alt und dreiseitig profiliert. In der Gebäudebeschreibung von 1565 heißt es: ,,in dieser Kirche sind 4 Altäre mit würdigem Schmuck; und auf dem Chor ist ein fünfter nicht großer Altar. Hierzu könnte die Bemerkung im Ordensinventar von 1437 passen, nachdem die Bekleidungen der vorgenannten Altäre aufgezählt sind: ,,uff dem poerkirche syn czwene cleydunge.« Es wäre also ein fünfter, kleiner Altar auf der Empore gewesen, dort. wo jetzt der Orgel-Spieltisch steht. Doch ist der Raum hier zu eng zum Zelebrieren, es werden also außer dem Hochaltar nur 3 Altäre vorhanden sein. 1637 waren hier nur noch 3 verletzte und zerfallene (destructa) Altäre.

Die Kirche hat vier in der Mauerdicke angelegte Sakristeien, da aber mehrfach fünf genannt werden, so muß auch das Turmgemach als Sakristei gedient haben. Nach den in Einzelheiten zuweilen wechselnden Benennungen in den Amtsverzeichnissen von 1394-1498 und von 1437-1439 ergeben sich folgende Namen:

1. Die große Sakristei, im Turmgemach.
2. Die kleine Sakristei, in der Südmauer des Chores.
3. Die Feriale-Sakristei, 1394, später auch des Glockmeisters Sakristei in der Kirche genannt, in der südlichen Chorschräge.
4. Des Glockmeisters Sakristei (1394/98), oder die Sakristei, da der Glockmeister eingeht (1437/39), in der nördlichen Chorschräge.
5. Die Priester-Herren-Sakristei (1398, 1437/39) in der Nordmauer des Chores.

 b22.jpg (34528 Byte)Nr.3 und 5 dienten zugleich als Bibliothek. Die Bestände an Paramenten, Ornaten und Silbergeräten waren recht groß, erhalten hat sich nichts.

Auf dem Hochaltar stehen die alte Predella, 32 cm hoch, reich gekehlt, darauf der große eichene Mittelschrein des Altaraufsatzes, 2,58-3,70 m groß, 0,35 m tief, mit starken Eisenbändern beschlagen.

D a s G e s t ü h l umsäumt an den Wänden den gesamten Kirchenraum. Alt sind im Westteil noch 43 Sitze der Ritterbrüder. Sie stehen an der Südwand und an der Westwand.

Ferner haben sich noch 4 alte Wangen erhalten. Die andere Bankreihe ist neu hin zugefügt.

 

 
  Die goldene Pforte  
 

Die Eingangstür von der goldenen Pforte her stammt noch aus der Ordenszeit, vermutlich aus der 1344 abgeschlossenen Bauperiode. Sie besteht aus 4,2 cm starken Eichenbohlen, mit aufgenagelten Rahmenleisten; die kleinen Felder sind 11:16 cm groß. In dem einen Hauptflügel vor der ganzen Öffnung ist eine Schlupftür von 0,83 :1,76 cm Größe eingeschnitten.

Auffallend sind die schwachen und schmucklosen Eisenbänder. Der Fußboden hatte im 16. oder 17. Jahrhundert einen Belag von Gotländer Kalksteinplatten erhalten, daneben lagen aber noch Reste der ordenszeitlichen Tonfliesen.

b19.jpg (44960 Byte)Die g o l d e n e P f o r t e, mit diesem Namen schon 1417 im Hauskomtursbuche bezeichnet. Das Gewände ist von vier Halbsäulen eingefaßt, über denen sich im Bogen zwei Hohlkehlen und zwei Rundstäbe fortsetzen. Die friesartig angeordneten Kapitäle über den Säulen und Zwischenpfeilern zeigen Laubwerk und darin unreine Tiere und Fabelwesen. Über dem Kämpfer stehen beiderseits je fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen, etwa 60 cm hoch, von denen die 2. und 3. der klugen, von außen gesehen, 1883 neu angefertigt wurden. Darüber im inneren Rundstabbogen rechts, d.h. von der im Schlußstein thronendem Christusfigur aus gerechnet, die Kirche, links die Synagoge; in den Hohlkehlen sehr schönes, durchbrochenes Laubwerk, innen Wein (vitis vinifera), außen Mohn (papaver argemone), und hier im Scheitel die kleine Figur eines Mannes. Die Seitenwände der Portalnische haben Sitzbänke, in der aufgehenden Wand glasierte Tierbilder in Friesstreifen, und im westlichen Bogenfelde (drei Reliefbildwerke), oben der zwölfjährige Jesus lehrt im Tempel, unten Maria und Joseph gehen aus, den Sohn zu suchen und dann die Heimkehr mit dem Sohne. Im Schlußstein Christus in der Mandelglorie thronend. Alle diese Bildwerke sind aus lufttrockenem Ton gebrannt. 

Das Marienbild im Kirchenchor

Außen ist im Chorhaupt statt des Ostfensters eine hohe Nische mit dem 8 m hohen Liebfrauenbilde angelegt. Die nahezu vollplastische Stuckfigur ist an die Rückwand angelehnt und ebenso wie die Nischenwände mit Mosaik überzogen. Die alten Farben sind dunkelrot und Gold für den Mantel, graublaue Steine für die Nische und kleingeschlagene Kalkgallen, weiß und graugrün für die Fleischteile und den Schleier. Andere Farben wurden erst im 19. Jahrhundert eingefügt. Die geschlossene Komposition, mit dicht an den Körper gelehnten Armen wurde durch die Enge der Nische bedingt. In der Gesamtauffassung und im Faltenwurf des Gewandes ist die Verwandtschaft mit Marienfiguren an der Kapellenkirche zu Gmünd und an einem Augsburger Domportal unverkennbar. Man hat die Entstehung früher in die Zeit um 1380 verlegt, weil die Jahreszahl 1381 - übrigens in schlecht beglaubigter Form auf einem Mosaikgemälde über der südlichen Domtür in Marienwerder herausgelesen wurde. Dann hätte die Marienburger Kirche vier Jahrzehnte lang ohne diesen Schmuck kahl dagestanden, und man hätte nochmals das über 30 m hohe Arbeitsgerüst aufschlagen müssen. Das Natürlichste ist es, daß dieses Bild schon im Plan des ersten Baumeisters lag, und daß man um 1340 von den Baugerüsten der Kirche aus das Bildwerk antrug und mit Mosaik überzog. Diese Zeit paßt auch zum Stil der genannten schwäbischen Figuren.

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Mehr als 600 Jahre lang hat dieses in der deutschen Kunst einzigartige Liebfrauenbild an der Burg gestanden und die Wanderer schon von weitem gegrüßt.

Die Figuren wurden während des russischen Angriffs im März 1945 vollständig zerstört.

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  Der Schloßturm  
 


Der Schloßturm wurde nachträglich in den Ostflügel eingefügt. Als Unterbau dienen ihm die Südmauer der Kirche, die Außenmauern des Ostflügels und im Erdgeschoß bzw. Keller des Ostflügels eine Pfeilervorlage und ein Gurtbogen. Nach seiner ganzen Anlage ist er nicht ein Wehrturm, ein Bergfried, sondern ein Glockenturm für die Kirche, vielleicht auch eine Warte. Der alte Treppenturm an der Kirche steht jetzt zum größten Teil im Freiraum des großen Turmes. Im Hauptgeschoß des Hauses diente das sog. Turmgemach als "große Sakristei"; es ist mit einem Sterngewölbe überdeckt. Der Zugang zu diesem Gemach erfolgt sowohl von der Kirche her, wie vom Kreuzgange.m8.jpg (30764 Byte)

Über der Mauerkrone des Hochschlosses steigt der Turm in sechs Geschossen empor, die vier unteren sind durch Ecklisenen eingefaßt, die drei unteren haben noch eine mittlere Vorlage. Diese vier Geschosse haben wagerechte Gurtungen durch Bogenfriese, und jedes so gebildete Feld hat eine spitzbogige überwölbte Öffnung. Wahrscheinlich hingen in diesen Geschossen die Glocken. 1565 waren hier 7 Glocken und eine Uhrglocke. Der Guß dieser Glocken für den "Seyger" 1401 wird im Treßlerbuch abgerechnet, die Uhr selbst machte Nicze der "Zeigermacher". Die Schweden haben im ersten Erbfolgekriege (1626-1629) die beiden größten Glocken fortgenommen, 1637 hingen noch vier im Turm, die beim Schloßbrand 1644 zu Grunde gingen. Das fünfte Geschoß ist nur mit je zwei Spitzbogenblenden belegt, darüber stehen als sechstes die Wehrgangszinnen. Gilly zeichnet 1794 den Turm mit dieser Krönung mit absichtlichem Fortlassen der welschen Haube. Steinbrecht hat 1889 den Wehrgang wiederhergestellt und nach dem Vorbilde von Riesenburg und Marienwerder ein abgewalmtes Satteldach aufgesetzt.

Der Turm wurde Anfang Februar 1945 in seinen vier oberen Geschossen bis zur Firsthöhe des Kirchendaches abgeschossen, verlor also den Wehrgang, das darunter liegende Blendengeschoß und zwei Geschosse mit den Schaldecken.

 

 
  Die hochmeisterliche Gruftkirche St. Annen  
 


Sie wurde 1331 begonnen, und zehn Jahre später konnte der Hochmeister Dietrich von Altenburg hier schon beigesetzt werden. Bemerkenswert ist die hierdurch entstandene Bauweise als zweigeschossige Kirche (Doppelkapelle). Vorbilder boten hierzu schon die königlichen Pfalzkapellen, wie das Münster in Aachen, St. Ulrich bei der Kaiserpfalz Goslar, die Burgkapelle zu Nürnberg, oder die Kirche in Schwarzrheindorf. Allerdings sind hier beide Geschosse durch eine größere Öffnung im unteren Gewölbe verbunden. Man könnte auch an die Kryptabauten unter den romanischen Domen denken.b33.jpg (42597 Byte)
Etwas ähnliches hat die Franziskanerkirche zu Neuenburg an der Weichsel (zuletzt evangelische Pfarrkirche, die etwas älter als St. Annen ist). Ungefähr gleichzeitig ist die Krypta unter dem Chor der Stadtkirche zu Christburg, wobei wir uns dessen erinnern, daß Luther von Braunschweig von 1314-1331 Komtur auf der Burg Christburg gewesen war. In diese Zeit fällt auch der Bau der Unterkirche des Domes zu Marienwerder, bald nach 1322 unter dem Bischof Rudolf begonnen. So fehlte es nicht an Vorbildern für die Idee.Der polygonale Chor war im Ordenslande nicht selten, wir finden ihn an den Pfarrkirchen zu Graudenz und Gollub im Kulmerlande, und in Pomesanien in Marienwerder, Riesenburg, Mohrungen und Posilge. Der Grundriß von St. Annen auf der Marienburg zeigt die einräumige Anlage, im Osten mit drei Seiten des Achtecks geschlossen. Die Stellung des Baues auf dem Parcham bedingte, daß die Kapelle zugleich Durchgangsraum wurde, also je ein Portal in den beiden Längsmauern erhielt. Als Westwand dient die alte Außenmauer des Konventshauses.
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Die Gruftkirche, Südseite
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Nordportal der Gruftkirche

 
 
Die Hochmeistergräber
 
 


Eine schachtartig gemauerte, nicht sehr große Gruft befindet sich im Ostteil, nahe am Hauptaltar; die Bestattungen sind also zum Teil wohl unmittelbar unter dem Fußboden erfolgt, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Hochmeistergräber schon 1457 und später auch noch einige Male von Schatzgräbern durchwühlt wurden, weil die Ritter angeblich ihre Schätze hier ins Grab genommen hätten.

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Es wurden hier beigesetzt:
* Dietrich Burggraf von Altenburg, gest. 1341,
* Hinrich Tusemer, gest. 1353,
Winrich von Kniprode, gest. 1382,
Conrad Zöllner von Rotenstein, gest. 1390,
Conrad von Wallenrod, gest. 1393,
Conrad von Jungingen, gest. 1407,
Ulrich von Jungigen, gefallen 1410,
* Heinrich von Plauen, gest. 1429,
Michael Küchmeister, gest. 1422,
Paul von Rusdorf, gest. 1441,
Conrad von Erlichshausen, gest. 1449
.

Nur von den drei mit * bezeichneten Meistern sind Grabsteine aus grauem Gotländer Kalkstein erhalten. Der älteste hat folgende Inschrift in schön gehauenen Majuskeln:

 

DO VNSERS HEREN XPI IAR
WAS M DRI C XLI GAR.
DO STARB D MEIST SINE RICH.
VON ALDENBURC BRVDER DITERICH
HIE LEGIN DIE MEISTERE BEGRABEN
DER VON ALDENBURC HAT ANGEHABEN AMEN.

 

Die Jahreszahl ist in der Sprechweise der Buchstaben zu lesen, damit acht Silben für das Versmaß herauskommen. Der zweite Grabstein zeigt in eingeritzten Linien die Figur eines Ordensritters mit Mantel und Schild. Die Rand-Umschrift in Majuskeln lautet nach Steinbrechts Lesung:

 

[t DO] UNSERS HERN IAR WAS LOVF
M. [DRI] CLDR. IICZ U HOUF
BEGRABEN WART ALHIE
DIE LICH DES [hochmeister hinerich]

 

Der Dritte, jetzt an der Nordseite liegende Stein, 1,27 : 2,11 m groß hat wieder kein Bildwerk und in gehauenen Minuskeln die Umschrift:

 

In der jar
czal xpi M cccc xxix do starp der erwi[rdige)
bruder heinrich van plawen

 

xpi bedeutet hier wie auch im Altenburg-Stein, den in lateinischen Buchstaben übernommenen Anfang des griechischen Wortes = Christos. In den vier Ecken waren die Zeichen der Evangelisten dargestellt, anscheinend in Metall, nicht mehr erhalten.

In die beiden Polygon-Schrägen sind Zellen eingebaut, die nördliche nur von außen, durch die Glöcknerstube, die südliche von innen zugänglich, als Sakristei zu benutzen. Unter dem Ostfenster befindet sich der große Ausguß-Stein des Lavacrum. Die Kapelle ist mit schmalen Stemgewölben überdeckt, deren Rippen auf schweren Kragsteinen aufsetzen. In den beiden großen Schlußsteinen sind die Hochmeisterwappen, sowie der Christuskopf dargestellt, in vier kleineren die Evangelistenzeichen.

Die Bildwerke

D a s  N o r d p o r t a l hat in den drei Bogenfeldern Flachbildwerke aus Stuck; sie stellen dar: Die Verehrung des Christkindes durch die Magier aus dem Morgenlande, Matth. 2, 1; das Sterbelager der Maria; die Krönung der Maria, und darunter ein Hinweis auf die letzten Dinge: ein Engel führt die klugen Jungfrauen zum Himmelstor, ein Teufel die Verdammten zum Höllenrachen.

m12.jpg (41529 Byte)D a s S ü d p o r t a l  hat in den Seitenwänden der Halle je zwei knapp lebensgroße Apostelfiguren. In dem Bogenfelde über der Tür ist in drei Reihen die Auffindung des heiligen Kreuzes durch die Kaiserin Helena, die Mutter Constantins des Großen, und die feierliche Erhöhung des Kreuzes dargestellt. Die Wahl dieses Themas wurde wohl dadurch veranlaßt, ,daß alljährlich am 14. September, dem Tag der Kreuzerhöhung, die großen Ordenskapitel in der Marienburg stattfanden. Das westliche Bogenfeld stellt die Himmelfahrt Christi dar, das östliche wieder in reihenweiser Anordnung das jüngste Gericht, oben Christus auf dem Regenbogen, darunter Maria und Johannes und dann Engel mit den Seligen und den Verdammten.

Die Entstehung aller dieser Bildwerke ist in die Jahre von 1340-1343 zu setzen, im Zusammenhang mit den Apostelfiguren oben ist St. Marien. Clasen setzt sie in die Zeit um 1340 21) und weist auf eine stilistische Verwandtschaft mit Bildwerken in der Elisabethkirche in Marburg hin, insbesondere mit den Grabdenkmälern der Landgrafen Heinrich I., Otto und Johann sowie mit der Jakobusfigur, dem jüngsten Gericht und dem Blattwerk am Lettner. Zeitlich fallen die Marburger Bildhauer- arbeiten in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Da Marburg Sitz der Ballei Hessen des deutschen Ritterordens war und St. Elisabethen eine Ordenskirche, liegt eine Verbindung zur Marienburg nahe.

Die alte A u s m a l u n g zeigt dunkelblaue Gewölbekappen und mehrfarbige quergemusterte Rippen. Erwähnenswert ist das große Wandbild der Westseite. Der Ritter Georg führt die bei Tannenberg, 15. Juli 1410 gefallenen Ritter, den Hochmeister Ulrich von Jungingen, den Großkomtur Kuno von Liebenstein, den Marschall Friedrich von Wallenrod usw. der Maria als Ordenspatronin zu. Die Idee ist ähnlichen Gedenkgemälden in San Giorgio bei S. Anastasia zu Verona entnommen.

Der Ostparcham des Hochschlosses, neben St. Annen diente als B e g r ä b n i s s t ä t t e der Ordensbrüder, deren Gebeine 1890 hier noch vorgefunden wurden. Das Marienburg-Gemälde im Danziger Artushof von etwa 1481 zeigt hier schon Nadelhölzer, die dann in neuerer Zeit wieder angepflanzt wurden.

 

 
  Die Wehranlagen  
 

Die Verteidigungsfähigkeit der Häuser beruhte, wenn man von den immer erst später angelegten Außenwerken absieht, in der Anlage der Mauern, in den Toren und in der Wehr. Die Außenmauern sind glatt, ohne wagerechte Absätze und mit möglichst kleinen Fensteröffnungen aufgeführt; größere Fenster wie an den Remtern oder der Kirche, werden durch starke Gitter geschützt. Die Tore werden durch einen vorgebauten Zwinger gesichert und durch die wuchtigen, eisenbeschlagenen Torflügel, deren technische Durchbildung uns aus einer Aufnahme Rabes in dem bekannten Kupferwerke von Frick und Gilly überliefert ist. Dieser Zwinger mußte im Falle der Verteidigung besonders stark belegt werden. Die Mehrzahl der Verteidiger haben wir uns aber auf dem W e h r g a n g e zu denken, der die Mauern des Hauses unmittelbar unter dem Dache krönte. In einem amtlichen Berichte der vermutlich 1418 abgefaßt ist, wird er kurzweg die Wehr genannt.

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Wehrgraben zwischen Hoch- und Mittelschloß